Ad Helviam matrem de consolatione

Gastautor: Seneca Lucius Annaeus

Auszug aus: Ad Helviam matrem de consolatione (Trostschrift an seine Mutter Helvia)

…und du wirst finden, daß alle Stämme und Völker ihren Wohnsitz [stets] verändert haben. Was bedeuten mitten in barbarischen Gegenden die griechischen Städte? was die macedonische Sprache mitten unter Indiern und Persern? Scythien und jener ganze Landstrich roher und ungebändigter Völker zeigt achäische Städte, an den Küsten des Pontus erbaut. Nicht die Strenge eines ewigen Winters, nicht der Charakter der Menschen, rauh gleich ihrem Himmel, hat denen im Wege gestanden, die ihren Wohnsitz dahin verlegten. (9.) In Asien ist eine Menge von Athenern. Miletus hat die Bevölkerung von fünfundsiebzig Städten nach allen Richtungen hin ergossen; die ganze Seite Italiens, die vom unteren Meere bespült wird, war Groß- Griechenland; die Etrusker, schreibt Asien sich zu; in Afrika wohnen Tyrier, Punier in Spanien; Griechen haben sich in Gallien niedergelassen, Gallier in Griechenland. Die Pyrenäen haben den Uebergang von Germanen nicht abgehalten; durch unbekannte Gegenden hat sich der Leichtsinn der Menschen hindurch gewunden. Kinder, Weiber und von Alter gedrückte Eltern haben sie mitgeschleppt. (10.) Andere, auf langer Irrfahrt herumgetrieben, haben sich nicht durch Entschluß einen Wohnort erwählt, sondern aus Ermüdung den nächsten besten in Besitz genommen; Andere haben sich durch die Waffen ein Recht im fremdem Lande verschafft. Manche Völker hat, während sie nach unbekannten Ländern steuerten, das Meer verschlungen; manche ließen da sich nieder, wo sie der Mangel an Allem zu bleiben zwang; und nicht Alle hatten dieselbe Ursache ihr Vaterland zu verlassen und [ein andres] aufzusuchen. (11.) Manche hat die Zerstörung ihrer Städte, den feindlichen Waffen entronnen, aber ihres Landes beraubt, in fremde Länder getrieben; Andere hat ein Aufruhr in der Heimath verscheucht; Andere hat Uebervölkerung auswandern heißen, damit sich die Volksmasse entlade; Andere haben Seuchen, häusige Erdbeben oder andre unerträgliche Gebrechen des ungünstigen Bodens fortgetrieben; Manche hat das Gerede von einer fruchtbaren und übermäßig gepriesenen Seeküste verführt; die Einen hat diese, die Andern jene Ursache zum Auszug aus ihrer Heimath bestimmt. So viel in der That ist offenbar, daß Nichts an demselben Orte geblieben ist, wo es geboren wurde; es findet ein beständiges Hin- und Herziehen des menschlichen Geschlechtes Statt; täglich verändert sich Etwas auf dem so weiten Erdkreise. (12.) Neue Städte werden gegründet; es entstehen neue Völkernamen, während die früheren erlöschen oder sich verwandeln, um ein Zuwachs zu einem mächtigeren zu werden. Alle jene Verpflanzungen von Völkern aber, was sind sie andres, als allgemeine Verbannungen?

Seneca war römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und Stoiker und einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit, 1-65 n. Chr (Übersetzung ins Deutsche vor ziemlich langer Zeit von: … ? Wer kann hier weiterhelfen?)

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