Bauen mit Stroh – eine Spinnerei?

Oder ideale Lösung für kühle Gegenden?

Autor: Florian Trifterer, Haidmühle

Mit Stroh kann man Häuser bauen. Nicht nur isolieren, sondern wirklich bauen!

Das funktioniert in einer von mehreren Varianten ungefähr so: Man braucht ein geeignet aufgebautes Fundament, darauf kommt eine Lage Strohballen für warme Füße. Außen ‚mauert‘ man aus dicht aneinander gesetzten großen Strohballen – je nach Klima und Last – ca 90 bis 120 cm dicke Wände. Diese isolieren so gut wie eine 36cm dicke Ziegelwand mit einer 40cm dicken (!) Isolierung aus Styropor, sind jedoch nach dem Abriss komplett kompostierbar und kein Sondermüll. Für Fenster und Türen werden Holzkästen in die Strohwand eingesetzt, um einen festen Rahmen zu bekommen. Oben auf die Wand kommt ringsherum ein stabiler Kranz aus Holz, der als Auflage für die Geschoßdecke dient. Das Obergeschoß funktioniert dann genau so: Strohwand, Holzkästen für Fenster rein, Holzrahmen oben drauf. Am Ende ein Dachstuhl, der auch mit Strohballen isoliert ist. So sind sogar mehrgeschossige Gebäude (s. Bild) möglich.

Aus statischer Sicht muss in Deutschland eine Holzkonstruktion die Last des Hauses tragen, während es auch möglich wäre, komplett lasttragend mit Stroh zu bauen.

Der Aufbau des Rohbaus dauert bei guter Vorbereitung nur etwa ein bis zwei Wochen, danach lässt man das ganze einige Wochen ’sacken‘, bevor die Wände innen mit Lehm-, außen mit Kalkputz verputz werden. Ab jetzt sieht man vom Stroh nichts mehr und wenn man es richtig macht sind Nager, Insekten und Feuchtigkeit dauerhaft ausgesperrt und einer Lebensdauer des Strohhauses von mehr als 100 Jahren steht nichts im Weg. Auch ein „Strohfeuer“ ist kein Thema, da Strohballen ähnlich wie Telefonbücher aufgrund ihrer Dichte nur sehr schwer anzuzünden sind. Der Putz von beiden Seiten schließt überdies das Stroh luftdicht ein, so dass Brandschutzklasse F-90 erreicht wird. Gestalterisch sind viele Formen und Baustile möglich.

Nachdem ich mich schon lange theoretisch mit dem Thema beschäftigt habe, durfte ich im April 2016 zum ersten Mal auch persönlich in einem Strohhaus in Südtirol auf über 1800m bei kaltem Wind die Vorzüge von warmen Wänden und dem sehr angenehmen Wohnklima genießen und war seitdem vollends überzeugt.

Die wichtigsten Vorteile im Überblick:

– Passivhaus-Standard und somit dauerhaft minimaler Heizenergieverbrauch

– Nur natürliche Materialien für optimale Wohngesundheit und Wohlbefinden

– Geringe ‚graue Energie‘, also Energie die in die Herstellung der Baustoffe fließt und bei herkömmlichen Materialien oft sehr hoch ist

– Unproblematische Entsorgung am Ende der Lebensdauer des Hauses

– Moderate Baukosten (auf jeden Fall nicht teurer als herkömmliche Bauweise)

Das klingt gut, ist aber bestimmt nur etwas für verrückte Öko-Freaks und Hippies, oder?

Während Bauen mit Stroh in vergangenen Jahrzehnten wohl noch als eher exotisch und experimentell einzustufen war, kann es mittlerweile als etabliert gelten, auch wenn in Deutschland wohl noch keine hundert Häuser dieser Art stehen. In Frankreich sind es aber bereits mehrere tausend und auch die Niederlande, Österreich und die Schweiz sind hier schon viel weiter. Eine wichtige Hürde zur Verbreitung der Bauweise in Deutschland wurde 2014 mit der bauaufsichtlichen Zulassung von Stroh als Wärmedämmstoff genommen, wodurch die Genehmigung stark vereinfacht wurde. Und laut „The Economist“ hat die Europäische Kommission das Ziel geäußert, dass 2020 fünf Prozent der Neubauten Strohhäuser sind – wobei das im Moment selbst für Strohhaus-Enthusiasten leider noch nicht realistisch klingt.

Wer sich für das Thema interessiert, dem seinen folgende Links empfohlen:

Architekt Werner Schmidt – Pionier des modernen Strohballenbaus in Europa mit aktuell ca. 50 geplanten/realisierten Projekten
http://www.atelierwernerschmidt.ch/de

Detaillierter Vortrag von Werner Schmidt auf Youtube
Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=9wzqp7zXSkE
Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=-H3Lo5HnhVY
Teil 3: https://www.youtube.com/watch?v=rWszSwF2kgM

Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. (FASBA)http://fasba.de/

Ferienwohnung im Strohhaus: Natürliches Ferienwohnen bei Richard Fliri in Südtirol http://fliri.net/

Wunderschönes Haus & Natur, sehr netter Eigentümer – für den nächsten Urlaub sehr zu empfehlen!
Unter http://fliri.net/architektur/ sieht man den Bau im Schnelldurchlauf.

Titelthema in ‚Natur und Heilen‘ in der Augustausgabe 2014
http://www.naturundheilen.de/heft-august-2014/

Bericht in ‚The Economist‘
http://www.economist.com/blogs/economist-explains/2013/11/economist-explains-20

Allgemeines und Geschichtliches bei Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Strohballenbau

 

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Eine Antwort auf „Bauen mit Stroh – eine Spinnerei?“

  1. Wäre ich 20 Jahre jünger, würde ich nur noch so bauen. Man kann nur hoffen, dass sich diese Form des ökologischen Bauens auch in Deutschland zügiger durchsetzt als dies bisher der Fall ist. Ein sehr interessanter Artikel mit vielen sinnvollen Links und einer Urlaubsempfehlung, die wir uns näher anschauen werden.

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