Lernen von einer Modellgemeinde

Ich durfte ein sehr interessantes Seminar in einer „Modellgemeinde“ besuchen! Was kann man davon abschauen oder lernen? Hier eine Einschätzung:

Die Gemeinde Tännesberg (http://taennesberg.de) liegt in der ländlichen Weite der Oberpfalz, sie ist strukturell eher benachteiligt und muss mit dem demografischen Wandel kämpfen, fast genau wie wir.

Aber dort passiert seit schon 20 Jahren so einiges, was auch bei uns helfen kann, das „Ausbluten“ zu verhindern, oder zumindest zu verlangsamen. Tännesberg hat sich dem Erhalt der natürlichen Vielfalt verschrieben, sie ist „1. Modellgemeinde zur Biodiversität“ – da kommen doch Parallelen zu Haidmühle hoch, oder?

Wir sind auch „1. Modellgemeinde am Grünen Band Europa„, aber erst seit 2015 und (noch) hamma nix davon! „Titel ohne Mittel“ nennt sich sowas, von allen kriegst Lob, nur verhungern kannst auch dabei. Aber es ist in Arbeit! Der Bund Naturschutz, der uns diesen Titel verliehen hat, wird Haidmühle ab 2017 in seine bekannten „Bund-Reisen“ (http://www.bund-reisen.de) aufnehmen, also einen Reisekatalog mit ausgesuchten Zielen für echte Naturliebhaber! Dann ist mit Gruppen an Teilehmern zu rechnen, die mit großem Interesse unsere artenreiche Landschaft besuchen wollen, die längst bereitgestellten Kulamu-Einrichtungen beleben werden und natürlich hier auch essen und übernachten. Es tut sich was auf!

Jetzt ein Randproblem: wenn kein Gasthaus mehr da ist, das mehrere Gäste auf einmal aufnehmen kann oder will, dann gehen uns Einnahmen verloren. Übernachten kann man zwar auch in Nachbargemeiden oder in den nahen Nachbarländern, aber wir brauchen wieder mehr eigenes Angebot. Dass wird sich aber regeln, wenn die Nachfrage da ist.

Unsere vorhandene Natur spielt so oder so die wichtigste Rolle, sie ist dabei DAS Alleinstellungsmerkmal! Das funktioniert, Sie werden es sehen. Wir sind schon lange ein staatlich anerkannter und ausgewiesener „Hot Spot“ für besondere Kulturlandschaftsmerkmale!! Die Schlangen gehören halt auch dazu, aber vieles mehr noch. Arnika, Hochmoorgelbling, Bachneunauge …

Die Vorbildgemeinde T. nutzt genau das rigoros aus: mit Emmerbrot, Rebhuhnzoigl (ein eigenes Bier), Rotviehbraten, Obstwanderweg uvm. werden viele seltene Tier- und Pflanzenarten der Kulturlandschaft zu Werbeträgern gemacht und vermarktet, das nutzt den mitmachenden Bürgern ein wenig und fördert die Akzeptanz der dahinter steckenden Schutzmaßnahmen: Schutzäcker mit seltenen Getreide- und Kartoffelsorten, Beweidung von Magerwiesen mit Nutztieren, Entbuschung, Belassen von Ackerrandstreifen – kennen wir ja auch alles. Aber Tännesberg geht noch weit darüber hinaus, und das finde ich ganz bemerkenswert.

Hier die Organisationsstruktur von Tännesberg. Besonderheit: die Fäden laufen bei der Gemeinde zusammen, der Markt hat mit der freundlichen Dipl.-Biologin Renate Schmidt eine eigene, fachkompetente und immer ansprechbare Vertreterin angestellt.

Organi

Ausserdem ist man ganz stolz auf die vor Ort engagierten Behörden, die Naturschutzorganisationen usw., und spannt sie gehörig vor den Karren! Die kriegen Gelder und Leistungen aus allen möglichen Richtungen und Töpfen, das ist unglaublich. Aber alle machen gerne mit, der Natur wegen.

Auszeichnung

Die Akzeptanz bei der eigenen Bevölkerung ist am wichtigsten, und auch daran wird fleißig gearbeitet.  Tännesberg bietet z.B. Kartoffeläcker zur Privatnutzung an (mit Verzicht auf chem. Schädlingsbekämpfung!), Obstbäume (seltene Sorten), Wildblumen- und Fledermausberatung für Hausbesitzer, einen Regionalmarkt, sowie viele Broschüren, Kalender usw.. Sogar die Bauhofmitarbeiter sind geschult und mähen die Böschungen „mit Hirn“, also nach den Blühzeitpunkten von Wildblumen, und stellen Schilder auf wie „Danke dass wir blühen dürfen“, „Ich bin eine Bienenweide“

Ich war und bin begeistert von so vielen durchdachten Aktionen.

Und das allerbeste, da war auch ich (als gemolkene Kuh) beteiligt: Tännesberg hat regelmäßig und ganzjährig Besuche von Fachgruppen, die sich auf Exkursionen rund um den Ort vom Gelingen der Biodiversitätsstrategie überzeugen wollen.

Bsp: unser 2-tägiges Seminar mit ca. 50 Teilnehmern, alles Naturschutzbeauftrage, Stadtförster, Selbstvermarkter, Studenten usw., hat einen Umsatz von ca. 8.000,-€ bewegt.  Mit Raummiete, Essen, Übernachtungen, Busgebühr usw. ist ein schöner Teil davon in der Gemeinde verblieben. Traumhaft, nicht wahr? Das verhindert das Ausbluten und  könnte auch bei uns funktionieren.

Wir sind dran, mit Jiri und Jakob sogar international.

Und auch Tännesberg macht unermüdlich weiter, siehe unten:

Handlungslleitfaden

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Eine Antwort auf „Lernen von einer Modellgemeinde“

  1. Hallo Martin,
    herzlichen Dank für diese Informationen (und deine Kommentare bzw. Einschätzungen dazu!!)
    Die Vergleiche und die Chancen von Haidmühle
    als „1. Modellgemeinde am Grünen Band Europa“
    sehe ich genauso!!!
    Es muss nur einfach was getan werden, und zwar schnell,
    denn irgendwann gibt es vielleicht eine „2. Modellgemeinde“,
    und dann ist das Alleinstellungsmerkmal dahin, abgesehen davon, dass die „2. Modellgemeinde“ dann das verwirklicht, was die „1.“ versäumt…..
    Michael/Sem

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