Meine Tochter

Der Schriftsteller und Journalist Ahmad Alkhalil, Altreichenau hat vor kurzem im Tagesspiegel folgenden Artikel veröffentlicht:

Ich fragte meine Tochter, die 12 Jahre alt ist, ob sie nach Syrien zurückkehren wolle, wenn der Krieg beendet sei. Sie antwortete mir ängstlich: „Nein!, Nein! Ich will nicht mehr zurück … ich will in Deutschland bleiben.“

Ich fragte sie, warum sie hier bleiben wolle. Sie sagte: „Papa, hier gibt es eine sehr schöne Schule. Die Schule ist offen und groß. Sie fühlt sich bunt an, wie die Farben des Regenbogens; alle Türen und Fenster sind aus Glas. Die Sonne scheint am frühen Morgen hindurch. Weiterhin hat die Schule keine hohen Mauern und die Lehrerin ist immer freundlich und lächelt uns an. Sie schreit nie herum und sie hat keinen Schlagstock in der Hand, um uns damit zu bedrohen. Auch schlägt sie niemals die Schüler. Die Lehrerinnen hier mögen uns und wir mögen sie. Die Schulhöfe und Spielplätze sind groß und offen und wir können sie immer zum Spielen und Sporttreiben nutzen. Weiterhin stehen wir morgens bei Hitze und Kälte nicht in langen Schlangen wartend vor den Türen der Schule bevor wir eingelassen werden. Wir müssen nicht morgens beim Betreten der Klassenräume den Führer grüßen und uns zur Partei bekennen. Die Schule selbst ist geheizt und wir müssen nie frieren.“

Hier stand nun meine Tochter, um mich zu fragen, ob es wahr sei, dass es in Deutschland keinen Führer und keine einzige Partei gäbe.

Ich sagte ihr, dass hier die Führungspersonen des Staates immer wechseln und sich nach Kräften während ihrer Amtszeit für das Land einsetzen. Mit dem Ende ihrer Amtszeit aber auch ihr eigenes Leben, wie andere führen und wieder einem Beruf nachgehen oder bei höherem Alter dann ein Leben als Rentner führen.

In meinem Heimatland haben alle Schulen die einheitliche Farbe khaki (gemäß der früheren Armeekleidung), sind alle rechteckig gebaut und umschlossen von hohen Mauern, die unbefugten Ausgang der Schüler verhindern sollen. Die Eisentore an den Eingängen der Schulen sind massiv und daneben haben ein Hausmeister oder ein Wächter einen kleinen Raum, um den Einlaß jederzeit zu kontrollieren.

Alle Fenster sind vergittert, auch wenn in einigen Schulen die Scheiben zerbrochen sind. In den Klassenzimmern gibt es nur Ölöfen, die mit Diesel betrieben werden. Der Treibstoff wird jedoch zumeist von Leitern der Schule oder Bediensteten gestohlen, so dass die Klassenräume unbeheizt sind. Wenn Klassenräume beheizt werden, füllt sich das Klassenzimmer mit schwarzem Rauch und die Kinder haben gerötete Augen und müssen husten !

In syrischen Schulen gibt es Aufseher, die die Schüler durch Bedrohung mit einem Stock anleiten und diesen auch zur Abschreckung einsetzen, manchmal auch zum Schlagen.

Kunst- und Musikunterricht, die es früher gab, wurden zuletzt meistens abgesagt und Arabisch- oder Mathematik- Unterricht auch schnell durch andere Fächer nach Belieben ersetzt. Schüler konnten nach Lust und Laune teilnehmen oder gehen.

Die Ausstattung der Schulen war zuletzt auch schlecht. Es gab weder Labors für naturwissenschaftlichen Unterricht noch technische Ausrüstung für Experimentalunterricht.

Der Unterricht war ausschließlich so gestaltet, dass die Schüler alles wiederholen konnten, nicht aber sich selbst Kenntnisse erarbeiten.

Die offensichtliche Bevorzugung der Kinder des Schulleiters bei der Notenvergabe und in Prüfungen war lächerlich. Es stand außer Frage, dass das Kind des Schulleiters Klassenbester sein musste.

Schulen und Gefängnisse in Syrien haben die gleiche Form und Farbe. Der Unterschied zu deutschen Schulen ist so eklatant, dass meine Tochter allein deswegen nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren will, selbst wenn dort wieder ein friedliches und normales Leben möglich werden sollte.

Ahmad Alkhalil

Das Foto zeigt den Autor Ahmad Alkhalil (sitzend) bei einer Dichter-Lesung mit Pankraz Freiherr von Freyberg als deutschsprachigen Interpreten während der Veranstaltung „Kunst am 22.“.

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