Zu schön um wahr zu sein, oder…

Es klingt dramatisch – und das ist es auch: 12 Monate Odyssee auf fragwürdigen Routen quer durch Europa, Zwangshaft in Bulgarien seit 2,5 Jahren getrennt von der Familie, die Schwester bis vor kurzem zwischen Bomben und dem blanken Überlebenskampf in Aleppo. Wie sich die Anerkennung in Deutschland als Geflüchteter nach 2 Jahren „Duldung“ anfühlt, ist nur schwer vorstellbar. Für Mahmoud, der aus Sorge um seine Familie unter dem Pseudonym Ahmed Schutz sucht, muss es sich wie ein Erdrutsch anfühlen. Seit dem 6.10. hat er die Gewissheit: er darf bleiben. Die jüngere Geschichte ist zu schön um wahr zu sein.  

Er kam nach Deutschland wegen den Maschinen. „In Syrien hatten wir immer Singer Nähmaschinen. Die sind nie kaputt gegangen“, berichtet er. „Als ich nicht mehr bleiben konnte, wollte ich unbedingt in Deutschland mein Handwerk weiter ausführen und für meine Familie etwas aufbauen“. Nach über einem Jahr zwischen Ämtern, Bürokratie und dem Versuch, sich mit einem Wörterbuch bewaffnet Deutsch beizubringen, haben sich Mahmoud und Elke Burmeister aus Passau gefunden. Die Matching-Plattform Workeer.de gab den entscheidenden Impuls. Bundesministerin Andrea Nahles nennt es Online-Dating für Flüchtlinge und Arbeitgeber. Seit kurzem hat Sie die Schirmherrschaft für das ehrenamtliche Engagement rund um David Jacob, dem Gründer von Workeer.de, übernommen.  Von Anfang an während dem einmonatigen Praktikum im Februar 2016 in der Schneidermeisterei Burmeister in Passau hat man in jeder einzelnen Naht Mahmoud’s Motivation und Geschick gespürt. Für Elke war sofort klar, dass Sie nach jahrelanger Suche in dem Schneidermeister endlich qualifizierte Unterstützung gefunden hat. Die Kommunikation war durch das Handwerk gegeben. „Wenn wir uns auf das konzentrieren was uns verbindet, statt auf das was uns trennt, können wir es schaffen“ sagt Burmeister. Durch die Arbeit in der Schneidermeisterei hat er nicht nur Wertschätzung und Struktur in seinen zuvor meist grauen Alltag erhalten. Er erlebt eine gelingende Integration in unsere Gesellschaft und trägt sogar dazu bei, ein fast ausgestorbenes Handwerk in Deutschland wiederzubeleben. Er spricht sogar schon ziemlich gut bayrisch. Seit einem Jahr besucht er einen freiwilligen Sprachkurs. Für Elke Burmeister und Fabian Krüger, dem Gründer des nachhaltigen Bekleidungslabels Get Lazy, ist ihr Engagement eine Selbstverständlichkeit. Krüger hat selbst im Ausland nähen lassen und schlechte Erfahrungen gemacht. „Im Juni 2016 auf der Ethical Fashion Show in Berlin konnte niemand glauben, dass wir dank einem Flüchtling wieder in Deutschland nähen können.“ Beide beschlossen noch im Trubel der Messe zu zeigen, wie eine erfolgreiche Integration gelingen kann, wenn man Geflüchteten echte Perspektiven bietet. Am 26.09. haben Sie die Kampagne „Clothes – Made in Germany, Made by Refugees“ gestartet und bereits nach 10 Tagen über 250 Unterstützer weltweit begeistern können. Doch jetzt nach der Anerkennung von Mahmoud haben alle 3 die Sicherheit, gemeinsam etwas aufbauen zu können. Mahmoud möchte mit seiner Arbeit anderen eine Freude machen. Die Wertschätzung gilt seinen beeindruckenden Fähigkeiten und seinem unglaublichen Willen. Elke, Fabian und Mahmoud spüren: mit jedem verkauften Kapuzenpullover wächst ein Bewusstsein heran. Und damit eine echte Bewegung. Die Begegnung mit Mahmoud steht nicht allein für gelingende Integration. Das Potential der Zuwanderer erkennen und Win-Win-Situationen zu schaffen, bietet eine nicht absehbare Chance – sicherlich weit über die Wiederbelebung des Textilhandwerks in Deutschland hinaus. Mit etwas Skepsis im Blick meint Mahmoud dazu nur: „Schau’ma mal“.

Fabian Krüger

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