Betrüge ich meine Frau?

Gestern Abend fand ich in dem empfehlenswerten Buch (trotz des faden Titels) „Wir Lebenskünstler“ des Soziologen Zygmunt Bauman einen guten Hinweis von Ivan Klima über die Liebe:

Deshalb müssen wir die Liebe mit der Schaffung eines Kunstwerkes vergleichen. Auch sie setzt Phantasie, Konzentration, die Aufbietung aller Bereiche unserer Persönlichkeit, Aufopferung und absolute Freiheit voraus. Vor allem aber verlangt die Liebe wie das Kunstwerk, dass wir Handelnde sind, uns also nicht routinehaft verhalten, sondern dem Seelenleben des Partners ständige Aufmerksamkeit schenken und uns bemühen, ihn zu verstehen und zu respektieren. Nicht zuletzt braucht die Liebe Toleranz, das Wissen, dass wir dem Partner nicht unsere eigenen Sichtweisen und Ideale aufzwingen und ihn damit an seinem Glück hindern dürfen.

Das wirft Fragen auf! Betrüge ich meinen Ehepartner? Indem ich ihr nicht das liefere, was ich vor Jahren, als wir beide noch umeinander warben, versprach? Nämlich, dass ich ein interessanter, gepflegter Mensch sei, der seine Frau lieben wird, der geduldig ist, immer zu ihr steht, der ihr Leben bereichern statt belasten wird?

Kaum ein langjähriges Ehepaar gibt sich miteinander noch die Mühe, die man sich in der Kennenlernphasen gab. Wer macht sich noch so hübsch für seinen Partner wie beim ersten Treffen? Wer hört noch so geduldig zu? Wer ist noch so zärtlich und angenehm als Ehepartner wie er damals versprach und vorgab zu sein? Die meisten Ehepartner halten das Versprechen, das sie einmal gaben, nicht ein. Desinteresse ist eher die Regel. Die Ehe hat ihren guten Ruf verloren. Wer als 50jähriger Mann sagt „Ich fahre mit meiner Freundin in Urlaub“ bekommt von seinen Freunden eine andere Reaktion als bei „Ich fahre mit meiner Frau in Urlaub“. „Ehe“ klingt öde. Das ist falsch und muss nicht sein. Und wer meint, ein neuer Partner muss her und alles wird besser, wird feststellen, dass sich langfristig die gleiche Ödnis einstellt, sofern man sein eigenes Verhalten nicht ändert.
Und das geht schon in der jetzigen Partnerschaft. Wer der Meinung ist, dass er/sie einen wirklich guten Grund hat, sein Versprechen nicht halten zu müssen, sollte sich trennen. Wer keinen solchen Grund hat, sollte über sein eigenes Verhalten und dessen Konsequenzen für seine Partnerschaft nachdenken. Nachdenken und Handeln könnte zu einem erfreulichen, neuen Zustand führen. Ein offenes Gespräch übrigens auch.

Was liefere ich also heute? Wie gehe ich mit meiner Frau um? Halte ich heute mein damaliges Versprechen ein? Ich hoffe es.

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2 Antworten auf „Betrüge ich meine Frau?“

  1. Ritterliche Absicht!
    Bravo, Sie tun genau das, was ein „richtiger“ Mann bei seiner Frau tut. Zuhören, zärtlich sein, beschützen. Nach meiner Erfahrung geht es in der Partnerschaft immer, bei jedem, um Entwicklung, und wir wählen unsere Partner auch danach aus. So dass früher oder später genau der Punkt kommt, an dem wir entweder in die Ödnis gehen oder in die Entwicklung, will heißen in die Aus-ein-ander-Setzung mit den Themen. Die „Öde“ entsteht, weil wir um die kritischen Punkte herumschiffen wollen, keinen Streit riskieren. Dann kommunizieren wir nur noch auf vermeintlich sicherem Terrain. Es ist genau das offene Gespräch, das Sie anführen, das uns hier retten kann. Wir müssen unseren ungeliebten Eigenschaften begegnen. Verhaltensmuster erkennen, die noch aktiv, aber nicht mehr dienlich sind. Partner kennen diese „roten Knöpfe“ instinktiv und sie werden unvermeidlich gedrückt.
    So meine ich, dass es hier um mehr geht, als mit einer sich überall einschleichenden Nachlässigkeit fertig zu werden.
    Die ritterliche Absicht kann also noch durch mutigem Begegnen der eigentlichen Konfliktpunkte und durch Ausdrücken der damit verbundenen Gefühle (ja, ich spreche von Wut oder Traurigkeit (vor allem aber Angst, z.B. den Partner zu verlieren) getoppt werden. Dieses Risiko immer wieder einzugehen, ist ein lohnendes Abenteuer, auch nach meiner persönlichen Erfahrung. Es macht unsere Beziehung schlagartig lebendig und führt zu einer noch intensiveren Nähe.
    Jeder kann dabei auch spüren, ob Trennung angesagt ist oder nicht. Es lohnt sich also in jedem Fall!

  2. Theoretisch sind die Einsichten schlüssig und realistisch. Leider. Allerdings hapert es vielfach an der praktischen Durchführung. Gespräche, ernsthafte Versuche der Selbstreflexion und das Aufspüren der Defizite beim anderen, die das eigene Handeln hervorrufen … meist Fehlanzeige. Auch hier gilt: Analyse und Nachdenken sind wichtig. Was dann aber wirklich zählt, sind die beherzte Tat und der unbedingte Wille zur Verbesserung.

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