„Ich seh‘ Dich!“

Eine kleine Geschichte zu Weihnachten, mitgebracht aus Afrika und vorgetragen von Ghazal anlässlich des 9. MKT in Haidmühle:

„Ich wuchs auf in einem kleinen Dorf in Südafrika. Wir hatten keine Elektrizität. Abends um 6 Uhr war es stockfinster und die Sterne und der Mond waren unsere einzige Beleuchtung. Als Kinder wurden wir häufig mit der Aufgabe betraut, kleine Botengänge zu erledigen, auch nach Einbruch der Dunkelheit.

So schickte mich meine Mutter oft abends in ein Nachbardorf, in dem meine Tante wohnte, um etwas zu bringen, abzuholen oder auszurichten. Der Weg führte vorbei an Maisfeldern und Bäumen und ich hatte oft ein mulmiges Gefühl, Angst, auf dem Weg von Löwen oder anderen wilden Tieren angegriffen zu werden.

Dies wissend stellte meine Mutter mich mit dem Gesicht zu dem Weg in den Eingang unserer Hütte und schickte mich mit den Worten: „Ich seh‘ Dich!“ los. Dies rief sie mir nach, auch, wenn die Dunkelheit mich bereits verschluckt hatte. Ich hörte sie rufen: „Ich seh‘ Dich!“ – und ich fühlte mich sicher, denn ich war davon überzeugt, dass, solange meine Mutter mich sah, kein Löwe mich angreifen würde.

Im Dorf meiner Tante schickte diese mich auf gleiche Weise wieder nach Hause. Mit dem Verstand weiß ich heute, dass sich kein Löwe oder wildes Tier von diesen Worten meiner Mutter hätte abhalten lassen und dennoch trage ich dieses „Ich seh Dich!“ in mir, seit ich denken kann.

Und immer, wenn ich vor irgendetwas Angst habe, denke ich an diese Worte meiner Mutter – und an eine höhere Macht, die mir zuruft: „Ich seh Dich!“ – und dann verschwindet die Angst und keine Finsternis kann mir etwas anhaben.“

 

Kinder
Kinder
Wael der Kunstspringer
Wael der Kunstspringer
Zirkusdirektorin
Samia die Zirkusdirektorin
Flohzirkus
Khalil mit Flohzirkus
Zirkustruppe
Zirkustruppe
Ghazal
Ghazal
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Eine Antwort auf „„Ich seh‘ Dich!““

  1. Lieber Franz,
    ich finde, das ist ein ausserordentlich gelungener, bewegender und sehr gut zur Weihnachtszeit passender Beitrag!
    Ein Unterschied fällt mir auf: Wir holen die Kinder bei jeder Gelegenheit mit dem Auto ab, fahren sie zum Bus, zum Einkaufen, zu Freunden und zum Sport. Bei Dunkelheit sowieso, aber auch wenns nieselt, wenns kalt ist, einfach immer. Ist das richtiger als im Beitrag beschrieben?
    Löwen gibts jedenfalls keine! Aber zwei Autos haben wir.
    Beste Grüße,
    Martin

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