Katastrophenschutz im Zeitalter des Klimakollaps – Beispiel Hochwasser

von Gastautor Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group

 

Wie schon seit vielen Jahrzehnten bekannt, nehmen mit jeder Erhöhung der Erdtemperatur um ein Zehntel Grad wetterbedingte Katastrophen an Heftigkeit und Häufigkeit zu. Mit den furchtbaren Hochwasserkatastrophen, die seit Wochen nicht nur in der Eiffel und dem angrenzenden Nordrhein-Westfalen schlimmste Verwüstungen angerichtet haben, wie sie sonst nur im Krieg oder bei starken Erdbeben auftreten, sind diese nun auch verstärkt in Deutschland angekommen. In anderen Ländern nehmen solche Verwüstungen schon seit Jahren immer mehr zu.

Wer ist schuld?

Nun ist die Suche nach Schuldigen groß, die in der Katastrophenvorsorge versagt haben sollen. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht ein Versagen der Politik. Die Diskussionen gehen meist darum, Warn-Apps besser einzusetzen, in Deutschland wäre dies nicht umfassend genug gelungen. Mit Sicherheit hätten mit deutlich besserer Warnung viele der Toten vermieden werden können. Insofern sind die in Deutschland gegebenen Unzulänglichkeiten der Warn-Apps ein großes Versäumnis des für den Katastrophenschutz zuständigen Innenminister Seehofer.

Doch eine Suche nach Schuldigen, die die Erdtemperatur auf immer neue Rekordhöhen getrieben haben, also die Suche nach den eigentlichen Schuldigen findet nicht statt. Dabei würde man z.B. mit der sogenannten Klimakanzlerin Merkel schnell fündig werden.

Die Diskussion über den verbesserten Einsatz von Warn-Apps allein greift viel zu kurz. Auch mit optimierten Warn-Apps wären die Häuser im Ahrtal eingestürzt, Schienenwege, Straßen und Brücken zerstört worden, sowie der verheerende Stromblackout eingetreten. Warn-Apps können eben keine Wassermassen aufhalten und wenn Strom und Mobilfunk ausgefallen sind, was bei großen Schadensereignissen mit einem flächendeckenden Stromausfall meist einhergeht, kommen auch kaum mehr weitere Warnungen oder Verhaltensempfehlungen an.

Klimaschutz beim Wiederaufbau? Fehlanzeige

Nun geht es an den Wiederaufbau. Auch hier liegt das Hauptaugenmerk scheinbar nicht auf einer vorsorglichen Analyse mit dem Ziel, durch den Wiederaufbau das Grundübel, nämlich die Erdüberhitzung, nicht noch weiter zu befördern. Es werden die gleichen jahrzehntelang wiederholten Fehler gemacht und der Wiederaufbau in den geschädigten Regionen ohne Rücksicht auf den Klimaschutz zu organisiert. Es kann doch eigentlich nicht sein, dass nun beim Wiederaufbau auf den Klimaschutz keine Rücksicht genommen wird. Doch genau dies ist der Fall.

So haben die Erdgasbetreiber einen Wiederaufbau der zerstörten Erdgasinfrastruktur im Blick und wollen dies mit Nachdruck schaffen, statt das klimaschädliche Erdgas ein für allemal aus dem Heizungssektor zu verbannen und endlich emissionsfreie Heizungssysteme mit Erneuerbaren Energien z.B. ökostrombetriebene Wärmepumpen oder Nahwärmesysteme statt Erdgasleitungen aufzubauen, um dann in den wiederaufgebauten auch energetisch gut sanierten Häusern emissionsfreie Wärme und Stromversorgung zu etablieren.

Auch Ölheizungen werden oft schnell wieder eingebaut, obwohl diese beim nächsten Hochwasser erneut mit den auslaufenden Öltanks große Gewässerverunreinigungen und dann im Betrieb wieder starke CO2-Emissionen verursachen.

Schon nach den großen Elbhochwasser hatte ich im Bundestag gefordert, doch wenigstens in hochwassergefährdeten Gebieten, Ölheizungen zu verbieten und stattdessen Heizungen mit Erneuerbaren Energien auszubauen. Doch immer noch, wo allseits anerkannt wird, dass die Erdüberhitzung Ursache dieser schlimmen Katastrophe ist, wird der Wiederaufbau mit CO2-emittierenden Erdöl- und Erdgasheizungen vorangetrieben, was dann das Klima weiter aufheizt und einen Beitrag für die nächsten noch schlimmeren und häufiger kommenden Katastrophen liefern wird.

Hochwasserschutz neu denken

Immerhin ist auch der Hochwasserschutz wieder stärker in den Blick genommen worden. Meist wird er mit Schutzwällen zum Schutze der direkt betroffenen Häuser und Siedlungen verwirklicht. Dies führt aber dazu, dass das Wasser noch schneller abfließt und die Hochwässer am Unterlauf der Flüsse verschärft. Insbesondere Belgien und die Niederlande waren davon schlimm betroffen. Zu den schlimmen Regenfällen in den Ländern selbst kamen die Wassermassen, die aus Deutschland in die Nachbarländer strömten.

Teilweise wurden in den Niederlanden zeitweise Deiche geschlossen, die dann den Rückstau nach Nordrhein-Westfalen verstärkten und dort die Hochwasserlage verschärften.

Hochwasserschutz muss vor allem am Oberlauf der Bäche und Flüsse organisiert werden, mit Entsiegelungen vieler Flächen, Begrünungen von Dächern, damit die Landschaft mehr Wasser aufnehmen kann. Zudem braucht es mehr Wasserrückhaltung durch Renaturierung von Flüssen und Bächen. Vielfach geht dies aber nicht mehr, da die Verbauungen der Flusslandschaften trotz Warnungen schon vor Jahrzehnten immer weiter vorangetrieben wurde. Entscheidend wird sein, wieder mehr Querverbauungen in die Bäche und Flüsse einzubauen, damit in den Aufstauungen größere Wassermengen zurückgehalten werden und so die ersten Hochwasserspitzen abflachen können. Gleichzeitig dienen diese Aufstauungen auch in den zunehmenden Trockenzeiten der Klimaanpassung, da sie den Grundwasserspiegel anheben und Wasser für Bewässerungen in Dürrezeiten spenden können. Gleichzeitig können überall dort vermehrt Wasserkraftanlagen CO2-freien Strom erzeugen und so zum Klimaschutz beitragen. Es wird immer abstruser, dass NaturschützerInnen, insbesondere der BUND aber das glatte Gegenteil fordern: Abrisse der Querverbauungen und somit die Vernichtung bestehender CO2-freier Stromerzeugung im großen Stile. So wird insbesondere in Baden-Württemberg und Hessen immer mehr Druck auf Wasserkraftbesitzer ausgeübt. Ein schlimmes Beispiel gibt es aktuell an der Wutach im Schwarzwald.

Blackoutschutz – der blinde Fleck der Katastrophenprävention

Katastrophenschutz muss aber noch viel weiter gedacht werden. So sind bei der Hochwasserkatastrophe in der Eifel und in NRW über 200.000 Menschen zum Teil tagelang ohne Strom gewesen, obwohl viele von ihnen gar kein Wasser in den Häusern hatten. Die Stromversorger waren schlicht nicht vorbereitet, solche einen großen flächendeckenden Blackout zu verhindern. Der flächendeckende Stromausfall hatte viele unnötige Folgeprobleme geschaffen und insbesondere die Soforthilfe massiv behindert. Dabei gibt es die Debatte zur Wappnung vor einem flächendeckenden Blackout schon seit über einem Jahrzehnt, seitdem auch von mir initiierten Bericht des Bundestagsbüros für Technikfolgenabschätzung.

Eine StudentInnengruppe von der Hochschule Triesdorf hat in einer hörenswerten Podcastserie erst kürzlich dieses Thema wieder bestens beleuchtet, unter anderem in einem längerem Interview mit mir.

Der wichtigste Schutz vor einem langandauerndem flächendeckenden Blackout ist eine dezentral organisierte Stromerzeugung aus einem Mix mit Erneuerbaren Energien und Speichern die in den Dörfern und Stadtteilen die Stromversorgung sichern, auch wenn das Netz ausfällt. Ein solcher Katastrophenschutz ist gleichzeitig auch wirksamer Klimaschutz. In über 50 Gemeinden in Österreich ist ein solcher Katastrophenschutz längst verwirklicht.

Doch obwohl der Bundestag die wissenschaftlichen Grundlagen längst kennt, wie man einen flächendeckenden Blackout wirksam verhindern könnte, gibt es dazu keine Pläne vom zuständigen Innenminister Seehofer und auch keine Ankündigung dies endlich anzugehen, nicht einmal nach dem Blackout von 200.000 Betroffenen in den Hochwasserregionen.

Katastrophenschutz ist also wesentlich mehr als die natürlich wichtige verbesserte flächendeckende Einführung von Warn Apps. Und wer den Katastrophenschutz wirklich zu Ende denkt, wird merken, dass der Ausbau der Erneuerbare Energien ein wesentlicher Pfeiler darin ist.

Diesen Beitrag teilen mit:
Haibischl