Aufbau Ost: Statt blühender Landschaften nun sterbende Wälder –

Von Gastautor Hans-Josef Fell

Mein zwiespältiger Blick auf die Freudenfeiern zum 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung.

Ja auch mir stehen heute noch Tränen in den Augen, wenn ich daran denke, wie wir mit der ganzen Familie vor 30 Jahren erstmals ohne jegliche Schikanen über den bayerisch-thüringischen Grenzübergang Eußenhausen nach Meinigen fahren konnten. Unglaubliche Freude, mit Landsleuten einfach sprechen und feiern zu können, die nur 50 Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt lebten, die ich aber 30 Jahre meines Lebens nie besuchen und sprechen konnte. Seit meiner Kindheit waren wir viel in der Rhön wandern, direkt am Eisernen Vorhang und schauten nach drüben, direkt in die Häuser z.B. nach Birx, sahen die Menschen und konnten nie verstehen, warum wir nicht mit ihnen reden durften.

Die Wiedervereinigung war auch in meinem Leben eines der emotional tiefsten Erlebnisse. Freiheit für alle Deutschen, wieder in einem Staat vereint und vor allem schien die ständige Kriegsbedrohung durch den kalten Krieg ein für alle Mal gebannt. Wir waren uns bewusst, dass meine Heimat in der Rhön, der sogenannten „Fulda Gap“ der erste Kriegsschauplatz sein würde, wenn es einen Angriff aus dem Osten gibt. Wir lebten dort, wo der Warschauer Pakt am tiefsten in den Westen ragte. Mein Engagement für die Friedensbewegung hat auch viel damit zu tun, dass wir keine Aufrüstungen im Osten und Westen wollten, weil wir einfach keine Aufheizung der Kriegsdrohungen wollten. Die Furcht, dass es meine Heimat in der Nähe des Eisernen Vorhanges als erstes treffen würde, war groß. So demonstrierten wir oft am Beginn der Fulda Gap, dem „Point Alpha“, direkt an der Grenze und wussten, dass es hinter der Grenze viele Menschen gab, die eigentlich auch mit uns demonstrieren wollten, aber wegen der Repressalien und Unterdrückung in der DDR schlicht nicht konnten.

Auch ich empfinde heute noch große Dankbarkeit für Helmuth Kohl und Michail Gorbatschow und vor allem für die vielen mutigen Menschen in der DDR, die mit ihrer unblutigen Revolution das große Geschenk der Wiedervereinigung ermöglichten: Freiheit für alle Deutschen und ein Ende der Weltkriegsangst nach einem jahrzehntelangen Kalten Krieg. Und doch betrübt es mich auch, dass mit der Wiedervereinigung eine einmalige und gigantische Chance verpasst wurde, ja schlimmer noch, von den Regierungen Kohl und Merkel sogar aktiv verhindert wurde.

Blühende Landschaften hatte Helmuth Kohl den Deutschen am Anfang des Wiederaufbau Ost versprochen.

Dabei bot der Aufbau Ost tatsächlich die einmalige Chance eine ökologische Musterregion als Schaufenster für die Welt zu schaffen: eine emissionsfreie Energieversorgung für Häuser wie Unternehmen mit 100% Erneuerbare Energien, eine saubere Wirtschaft ganz ohne Abfälle und Abgase, ein Verkehrssystem, das auf Vorrang für Fußgänger, Radfahrer, ÖPNV mit emissionsfreien Antrieben achtet. Zudem Naturschutz und eine Landwirtschaft mit umfassendem Bio-Anbau, womit auch außerhalb des gelungenen Grünen Bandes entlang des ehemaligen innerdeutschen Grenze, großflächig überall im Lande, Insekten, Bienen, Vögeln und anderen Tieren, mit blühenden Wiesen und Feldern, lebendigen Wäldern Naturlebensräume erhalten und neu geschaffen werden. Unzählige toller solcher Konzepte wurden damals für einen ökologischen Aufbau Ost in der Aufbruchsstimmung Deutschlands entworfen.

Die Landschaften, von Helmuth Kohl als blühend versprochen, sind heute statt dessen von sterbenden Wäldern und öden großflächigen Intensivkulturen vielfach mit tierquälenden Massentierhaltungen geprägt, vereinzelt unterbrochen von hoch engagierten Biobäuer*innen, die das Ziel der blühenden Landschaften ernst genommen haben aber absolut in der Minderheit sind. Heute sterben auch gerade im Osten die Wälder, nicht nur die Fichten im Naturpark Südharz, sondern auch jahrhundertalte starke Eichen im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe. Es sterben Insekten und mit ihnen schwindet die Artenvielfalt in rasantem Tempo. Dürren, Wasserknappheit, Missernten, zunehmende katastrophale Stürme und Starkregen beginnen im Osten wie im Westen genauso wie auch in anderen Teilen der Welt die Lebensgrundlagen für uns Menschen zu zerstören. Die Erdüberhitzung rast voran.

Dabei war der Klimaschutz schon damals eine der wichtigsten und dominanten gesellschaftlichen Diskussionen. In der ersten gemeinsamen Bundestagswahl nach der Wiedervereinigung setzten die Grünen voll auf das Thema Klimaschutz und wurden von den Menschen in der Freude über die Wiedervereinigung abgewählt. Sie flogen, außer ein paar Grüne aus dem Osten, aus dem Bundestag. Eine historische Fehlentscheidung des deutschen Volkes, denn damit spielte Klimaschutz im Aufbau Ost keine entscheidende Rolle. Heute ernten wir die Schäden dafür umso schlimmer.

Ja natürlich wird heute die zum Trocknen aufgehängte weiße Wäsche in Bitterfeld nicht mehr schwarz vom Ruß der Kohlekraftwerke. Einst schrieb die Schriftstellerin Monika Maron in ihrem Roman „Flugasche“ über ihr Bitterfeld als den „dreckigsten Ort Europas“. Ja natürlich schäumen Saale und Elster nicht mehr an jeder Stromschnelle wegen überbordender Gewässerverschmutzung. Im klassischen Umweltschutz ist heute durchaus manches besser als in DDR Zeiten.

Doch die Kohlekraftwerke laufen auch 30 Jahre nach Wiedervereinigung immer noch in der Region Bitterfeld und anderen Orten. Filter haben die Luft zwar deutlich sauberer gemacht, sodass die Wäsche beim Trocknen auch in Bitterfeld nun weiß bleibt. Aber die Lungen der anwohnenden Menschen bleiben oft nicht weiß. Trotz der Filter in Kraftwerken und Katalysatoren in Autos sterben noch immer jährlich vorzeitig 70 000 Menschen in Deutschland durch Luftschadstoffe, die hauptsächlich aus Kohlekraftwerken, aber auch aus Autos mit Verbrennungsmotoren kommen.

Und kein Filter oder Katalysator hält das Treibhausgift Kohlendioxid zurück. Das wusste man auch schon lange vor 1990. Statt auf den Weiterbetrieb der Kohlekraft und den Ausbau von Autobahnen hätte ein Wirtschaftsaufbau im Osten sich voll an wirklichem Umweltschutz und Klimaschutz orientieren müssen, statt nur Filter einzubauen, um den gröbsten Schmutz zurückzuhalten. Vorschläge und politische Forderungen dazu gab es genug, nicht nur von der grünen Politik.

Aber noch immer gibt es gerade auch im Osten Großstädte ohne Stundentakt Anbindung an den ICE. Der emissionsärmere Schienenausbau wurde stiefmütterlich behandelt. Autobahnen dagegen haben sich überall naturzerstörend durch die grünen Flächen im Thüringer Wald bis hin nach Mecklenburg gefressen und die Schadstoffe aus den Autoabgasen machen Menschen krank und heizen das Klima auf. Nein, eine ökologische Musterregion ist die ehemalige DDR nicht geworden, sondern eine Kopie der westlichen Klima-, Natur- und Artenzerstörung. Ganz im Sinne der Lobby-Interessen der fossilen Wirtschaft.

Dabei gab es unter rot-grün ein kurzes Intermezzo im Aufbau Ost, wo es starke Ansätze des Klimaschutzes und für eine ökologische Modellregion für die Welt gab. Mit dem EEG 2000 entstanden in der Region Bitterfeld, in Frankfurt an der Oder, in Freiberg in Sachen große Solarfabriken, in Lauchhammer und Magdeburg Windkraftfabriken, die vielen zehntausenden Menschen mehr Jobs brachten, als die Kohle heute zu bieten hat und die dringend zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Aufbau Ost benötigt wurden. In vielen Gemeinden entstanden Energiegemeinschaften, die mittelständische Arbeitsplätze mit lokaler Wertschöpfung, mit dem Ausbau von Solar-, Windenergie, Biogas und Wasserkraft aufbauten.

Doch mit den verheerenden EEG-Novellen unter Kanzlerin Merkel verschwand die Solarindustrie ab 2012 fast vollständig und mit ihr zehntausende Jobs und nun seit 2018 gibt es mit dem politisch verordneten Rückgang des Ausbaus der Windkraft eine Entlassungswelle in der Windindustrie auch im Osten. Auch der Ausbau der lokalen Bürgerenergien ist weitgehend zurückgedrängt und damit ein großes Standbein der lokalen Wertschöpfung und demokratischer Teilhabe der Menschen am Energiegeschäft.

Schon der erste Umweltminister nach der Wende, Klaus Töpfer hat es genauso wie seine Nachfolgerin Angela Merkel eben nicht geschafft, mit dem Ausbau Ost eine Klima- und Umweltschutzvorreiter Region der Welt zu schaffen. Schlimmer noch: als Kanzlerin hat Merkel die unter rot-grün gelegten zarten ökologischen Pflänzchen mit dem Zerstören der Ökostromindustrie und des bürgerlichen Ausbaus der Erneuerbare Energien im Osten sogar wieder weitgehend vernichtet.

Die verpasste Chance, mit dem Aufbau Ost eine Musterregion für die Welt für Klima- und Umweltschutz zu schaffen, werden wir 60 Jahre nach der Wende bitter bereuen. Wenn dann so um 2050 die menschliche Zivilisation im Hitzefieber einer (wenn wir Glück haben) 2°C-Welt untergegangen sein wird. Dann wird auch es auch im vereinten Deutschland Überlebenskämpfe um das Trinkwasser und um die wenigen Lebensmittel von verdorrten Äckern geben; der verzweifelte Schutz des eigenen Hauses vor brennenden Wäldern auch in Brandenburg und Thüringen, so wie heute in Kalifornien, wird vieles bestimmen, genauso wird es in den engen Tälern Sachsens 1bei Starkregen Verwüstungen geben, wie wir sie gerade im Hinterland von Nizza sehen. Spätestens dann werden die Menschen merken, dass das hohe Gut der Freiheit, wie sie mit der deutschen Wiedervereinigung errungen wurde nicht alles ist, was wir Menschen brauchen. Und sie werden verzweifelt sein, dass ihre Eltern und Großeltern damals 1990 den Klimaschutz in der Bundestagswahl abgewählt haben.

Heute 30 Jahre nach der Wiedervereinigung tränen meine Augen stärker denn je, das eine immer noch lachend mit der Freude über die erlangte Freiheit für alle Deutschen, das andere weinend immer mehr und stärker über alle verpassten Chancen des ökologischen Aufbaus Ost.

Hammelburg, 05. Oktober 2020

fell@hans-josef-fell.de
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